Rückblicke 2012

Gestrandet 32: Die Welt ist eine Schreibe I

28.11.2012 KulturCafé, Ruhr-Universität Bochum

28. November 2012 – kein wirklich schönes Wetter draußen.

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Uli Schröder segelt unter Treibgut-Flagge

Aber immerhin ein Anlass mehr, sich zum ersten Teil der Lesung „Gestrandet 32“ zu begeben – mal ganz abgesehen von den offensichtlichen Gründen wie „hochberühmter Moderator“ (Sebastian23), „super-hippe Location“ (Kulturcafé an der Ruhr-Uni), „phantastische Lesende“ (Treibgut und Gäste), „topmoderne Technik“ (ein Mikrofon) und „beschämendes Fernsehprogramm“ (Topfgeldjäger im Öffentlich-Rechtlichen, Schuldnerberater im Privaten)…

Die Lesung wurde von bereits erwähntem Moderator in gewohnter Weise witzig, aber nicht ohne Tiefgang eröffnet. Wie auch der nächste Gastlesende Jonas Jahn präsentierte er Texte aus dem Genre Slam-Poetry.

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Tim trinkt, lauscht aber aufmerksam Sebastian23s Worten

Anschließend kam mit Uli Schröder das erste Treibgut-Mitglied auf die Bühne – wenn auch nicht zum Lesevortrag, sondern „nur“ zur Präsentation der gerade erschienenen Anthologie „Pandoras Büchsenöffner“ , in der sich übrigens auch die Beiträge seiner Vorredner finden lassen. Gefolgt wurde er vom Treibgut-Mitmitglied Antonia Stoodt.

Nach der Pause begann auch der zweite Teil von Sebastian23, auf den die beiden Gäste Emel und Zerbolesch folgten. Auch diese beiden sind samt ihrer Texte sonst eher bei Poetry-Slams anzutreffen – umso schöner, dass sie diese Lesung bereichert haben.
Beschlossen wurde der Abend von Tim Kollande von Treibgut, der nach seinem Soloauftritt noch ein Duett mit Sebastian23 darbot – sehr zur Erheiterung des Publikums, das sich im Anschluss gut unterhalten auf den Heimweg machte.

Mehr Fotos von der Lesung in der Galerie.

Gestrandet 32: Die Welt ist eine Schreibe IIGestrandet 32

02.12.2012 Freibeuter, Bermudadreieck Bochum

Ein windiger, draußen sehr ungemütlicher Regentag.
Der letzte Tag des Wochenendes- gutes Fernsehprogramm, harmoniebedürftige Stimmung. Die perfekte Zeit für ein heißes Bad oder einen dicken Schmöker, für den Blockbuster oder WDR5.
Stattdessen aber machte sich eine große Gruppe an Suchenden auf statt in der medialen Rundumdieuhr-Beschallung der Fernsehapparatur in wonnigen Wogen literarischer Essenzen für diesen Abend ihr kleines Stück Besinnlichkeit zu finden.

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Wenn das kein Schnäppchen ist!

Mit hohen Erwartungen an ein populäres Unterhaltungs-Line-Up kamen die Menschen in den heimeligen Hafen des Freibeuters, ließen sich neben Spritzgebäck und dem ein oder anderen Getränk mit gespitzten Ohren feinste Literatur kredenzen.
Die urige Studentenbude, in welcher schon so manch poetischer Slam oder Sänger- und Liederschreiberabend abgehalten wurde, verwandelte sich am ersten Advent 2012, der gefühlte Herbsttag, in einen treibgütlichen Literatursalon mit musikalischen Intermezzi.
Der Moderator Philipp Dorok, selbst ein Mitglied der Autorengruppe Treibgut, schaffte es durch seine amüsierende und empathische Art die Vielzahl an beigetragenen kreativen Schnipseln kunterbunter Künstler zu einer kohärenten Collage zu vereinen und allen Gästen und Gästinnen zugänglich zu machen. Die sehr persönliche Atmosphäre sowie die Natürlichkeit der Künstler verliehen diesem farbenreichen Bild einen warmen Grundton, der auf alle Anwesenden positiv einwirkte.
Jedoch kehrte nun auch innerhäuslich das gemeine Unwetter ein: Nachdem die beiden Hauptacts Oliver Uschmann und Sängerin Alexandra Supertramp aufgrund bakterieller physischer Frustrationen ihre Auftritte auf der für Performatives offenstehenden Beuterbühne absagen mussten (und der dritte Hauptact Thorsten Krawinkel bereits vorher abgesagt hatte), war die Kreativität der Organisatoren gefragt. So warfen sie die Treibgut-Rettungsboote in die Runde und konnten mithilfe der zeitlichen Ausweitung einiger künstlerischer Darbietungen, wie des fulminanten musikalischen Ersatzes durch die Mülheimer Sängerin Jaana den Abend in trockene Tücher betten.

Sie hatte uns gewarnt!

Sie hatte uns gewarnt!

Neben dem Gastautor Sven Neidig, der mit seiner besinnlichen Stimme seine ironisch feinfühlig verpackte Kritik an dem weltlichen Dasein verkündete, ermöglichte der Treibgutautor Marek Firlej allen Anwesenden einen amüsanten Blick auf den in den Gefilden seines Kühlschrankes aufkeimenden Tierchenfreundeskreis und erregte nicht bloß die Lachmuskeln des Publikums, sondern teilweise sicherlich auch die Reflektion über die eigene Sauberkeit in der Küche.
Unermüdlich an diesem Sonntagabend vertrieb Johannes Opfermann mit seiner Gitarre und seiner Stimme die Patriarchen aus dem Piratenmilieu und eröffnete die Tore für die weibliche Eroberung dieser sonst ja eher sehr homogen männlich gehaltenen Männerdomäne.
So sollen künftig nun auch die maskulinen Kopftuchträger auf ihre Haarbedeckung verzichten müssen, während die weibliche Note sich auch in den Umgangsformen, wie dem Steuern eines Schiffes, merklich etabliert.
Das farbpulsierende Gesamtkunstwerk dieses ersten Adventsabends erschien wie ein zuckersüßer Allround-Leckerbissen, der alle Sinne ansprach und die Menschen wärmend beseelte. Und er mundete sicherlich auch tausendfach besser als ein immergleiches Tatort-Filmmuster.

Gestrandet 31Gestrandet 31: Die Wortschatzinsel

23.05 2012 KulturCafé, Ruhr-Universität Bochum

Wenn schon Titel und Plakat sich derart stark bei Stevenson bedienten, war es keine Überraschung, dass Treibgut diesmal nicht nur das maritime, sondern auch das piratige Thema auf die Spitze trieb. Philipp Dorok als Zeremonienmeister der Lesung hatte sich nicht nur mit Stiefeln, Dreiviertelhose, Entermesser und Dreispitz in einen waschechten Literaturpiraten verwandelt, nein, auch sprachlich trug er mit seinem norddeutsch eingefärbten Seeräuberjargon zum Flair der Lesung bei. Gleich mehrere Texte der Treibgut-Autoren hatten zum Motto passende Texte geliefert, in denen es vor Piraten nur so wimmelte.
Auf die vorher angekündigte Bachmann-Preisträgerin Ivette Vivien Kunkel wartete das Publikum vergeblich, ihre krankheitsbedingte Absage war in den Weiten des Internets verloren gegangen, und so war es lange unklar, ob sie noch erscheinen würde. Ulrich Schröder sorgte aber dafür, dass in Ivettes physischer Abwesenheit zumindest ein Text von ihr auf die Bühne kam. Ansonsten bot sich ein sehr musikalisches Programm.
Mit Edy Edwards und Jaana Schareina hatten gleich zwei stimmgewaltige Rockmusiker für den Abend angeheuert und sorgten bei der Lesung mit ihren Songs für Abwechslung. Jules Piel und Johannes Opfermann von Treibgut griffen ebenfalls singend in die Saiten. Die Lacher auf seiner Seite hatte am Ende auch Tim Kollande. Der Exil-Leipziger setzte die Wendung „ein Mann, wie er im Buche steht“ wörtlich in die Tat um, und enterte zum Schluss sogar den Lesetisch. Comedyreif.