Antonia Stoodt: Rosa. Ein Manifest

Das Trauma beginnt am Tag meiner Geburt.
Kaum auf der Welt ist das erste, was meine Augen sehen, ein rosafarbener Stoffhimmel über meinem Stubenwagen. Ich will nicht behaupten, dass ich alle genderstereotypischen Belastungen dieser Farbe damals schon erfassen konnte, aber ich bin mir doch sicher, dass dieses Erlebnis mich geprägt hat. Und zwar nicht positiv.
Einige Jahre später, zu meinem sechsten Geburtstag, bekomme ich meine erste Barbiepuppe – die Ureinwohnerin einer in schnellem Wachstum begriffenen WG von tüllumhüllten Plastikkörpern, deren Lieblingsthemen die Namen ihrer zukünftigen Töchter, Mode und Pferde sind. Ja, ich bin ein ganz normales Mädchen.

Doch dann geschieht das Unerwartete: Ich, auf dem Weg zum Reitunterricht, eine Tüllwolke mit Plastikkern in der Hand, sehe auf einem großen Plakat mein Lieblingswort: ROSA. Nur dass es nicht unter einem Plastikkörper mit Plastikhirn steht, sondern unter dem Portrait einer altmodisch aussehenden Frau mit pessimistischem Gesichtsausdruck und zu einem Knoten zusammengefasstem Haar. Langsam entziffert mein ob dieser Fehlzuordnung überfordertes Gehirn ein zweites Wort hinter dem Rosa-Sakrileg: Luxemburg. Was hat das nun mit unserem Nachbarstaat zu tun, frage ich mich. Ein gesamter Staat unter dem Wahlspruch Rosa wäre zwar nach meinem Geschmack – aber wie kommt dann wieder die pessimistische Tante auf dem Plakat ins Spiel?
Lange Rede, kurzer Sinn: Nach einem Gespräch mit meiner Mutter über ein komisches Plakat eröffnet sich mir eine neue Welt.
Was man alles lernen kann! Ich erspare uns die Details, denn Bildungsromane gibt es schon genug. Beschränken wir uns darauf, dass ich zehn Jahre nach dem Rosa-Sakrileg mein Abitur mache als eine feministische, politisch dunkelrote Veganerin. Oder kurz gesagt: Das Nervigste, was meine Schule in den letzten zehn Jahren hervorgebracht hat.

Zum Studieren ziehe ich in ein Studentenwohnheim, in dem ich mich anfangs zwar wohl fühle, dann aber schnell an meine persönlichen Ekelgrenzen stoße.
Die Anderen sagen: „Es spricht doch nichts dagegen, dass wir im kollektiven Kühlschrank Milchprodukte und Fleisch haben … ist auch fast alles Bio …“ Ich sage: „Stimmt, dass ein Neugeborenes seiner zwangsgeschwängerten Mutter sofort weggenommen wird, statt dem, was der Mutterkörper für es produziert hat, synthetische Pampe zu trinken bekommt, später selbst ununterbrochen zwangsgeschwängert und/oder geschlachtet wird, ist nicht so schlimm, wenn es zwischendurch ein bisschen auf der Weide stehen kann und der Schlachttransporter mit Einstreu versehen ist.“

Ich ziehe also um in eine WG, doch auch da wird es nach anfänglicher Begeisterung schnell schwierig.
Die Anderen sagen: „Also so ganz verstehen wir diese ganze Gender-Ideologie ja nicht … Frauen werden doch heute nicht diskriminiert, du studierst doch auch!“ Ich sage: „Stimmt, dass man in Deutschland als Frau problemlos studieren kann, ist ein guter Grund, darüber hinwegzusehen, dass man später für die selbe Arbeit weniger verdienen wird, dass sich intersexuell geborene Menschen oft immer noch zwangsweise einem Geschlecht und meist auch automatisch einem Gender zuordnen müssen und dass in mehreren Ländern auf Homosexualität die Todesstrafe steht.“

Ich ziehe also wieder um, in eine Öko-Kommune, in der es länger gut geht, aber letzten Endes auch nicht unproblematisch bleibt.
Die Anderen sagen: „Schon klar, megakrasser Kapitalismus ist manchmal nicht für alle gut … aber insgesamt scheint das System schon irgendwie zu funktionieren und wir jammern hier ja auch echt auf einem hohen Niveau!“ Ich sage: „Stimmt, dass bei uns niemand auf der Straße verhungert, legitimiert absolut, dass ein Prozent der Weltbevölkerung so viel besitzt wie die restlichen 99.“

Ich ziehe also wieder um, in ein von Studierenden, Asylsuchenden, Obdachlosen und Aussteigern besetztes Haus. Endlich bin ich angekommen – denn hier sind fast alle in einer derart prekären Lage, dass ich mit meinem ständigen Nörgeln nicht mehr auffalle. Das Haus ist so groß, dass sich Subgruppen bilden, und in dem vom mir bewohnten Trakt entsteht schnell eine strikt vegane, egalitäre rote Zone. Wir nehmen uns gemeinsam einen gewaltlosen Kampf vor: Gegen die Plastikhirne, gegen das Prozent, gegen das Privilegiat. Über Monate sind wir mit Studium, persönlicher Fortbildung und Flugblättern beschäftigt, voller Eifer überlegen wir uns, wie wir zu jedem noch so schwachsinnigen Thema stehen, um im Notfall nie kommentarlos dastehen zu müssen. Unsere Überzeugungen konkretisieren sich in der Hilfe, die eine aus der Art geschlagene Jurastudentin den Asylsuchenden bei Gängen zum Amt bietet, in dem Essen, das wir in tadellosem Zustand aus den Mülltonnen überfließender Supermärkte fischen, um es mit den Ärmsten von uns zu teilen und in den Gesprächen, die wir alle zusammen nachts führen, wenn es wegen der ausgeschalteten Heizung zu kalt zum Schlafen ist. Es ist ein Zustand mit so wenig Konsum wie möglich, ohne Luxus und fast ohne Geld, dafür mit ethischem Anspruch, großer Tatkraft und so viel Solidarität wie möglich. Es ist genau, was ich mir immer gewünscht habe.

Dann kommt die Polizei und teilt uns mit, der Hausbesitzer habe sich gemeldet – wenn bis zum Folgetag nicht alle verschwunden seien, drohe eine Räumungsklage.
Wir machen uns also auf. Das heißt – die anderen überreden mich dazu. Eigentlich will ich bleiben, was ist schon eine Räumungsklage. Aber die Jurastudentin knickt als erste ein, sagt, schließlich leben wir ja in einem Rechtsstaat und sie wolle ja auch nicht studieren, um später keinen Job zu finden. Dieses bestechende Argument klopft auch die Anderen erstaunlich schnell weich. Innerhalb der nächsten Wochen finden wir alle irgendwo eine neue Unterkunft. Aber in den folgenden Semesterferien beschließen wir, die gute alte Zeit noch einmal zu erleben, indem wir eine Bootstour machen. Die Jurastudentin fährt nämlich seit ihrer Kindheit Boot und hat zum Abi auch eins geschenkt bekommen. Ich frage mich zwar, warum ich mit ihr, wo sie doch eigentlich völlig offensichtlich Teil des Privilegiats ist, jemals Zeit verbracht habe, aber dann denke ich mir: Hey, du kannst nicht Toleranz predigen und dann wegen eines Boots die Freundschaft aufkündigen. Also geht die Tour los, erst läuft auch alles super, aber irgendwann holen die zwei Philosophiestudenten, die inzwischen planen im Ausland, wo es legal ist, zu heiraten, eine Familienpackung Gras raus und bauen einen am anderen. Nicht verwunderlich, dass wir vom Kurs abkommen und irgendwann total orientierungslos, aber auch auch verdammt gut gelaunt auf dem offenen Meer rumdümpeln.
Als das Gras alle ist, schlägt die Stimmung erwartungsgemäß sofort um. Auf einmal werden in der Enge des begrenzten Bootsraums sämtliche Fehden befeuert, die seit Wochen unter den Teppich gekehrt wurden. Logisch, dass irgendwann auch die Sache mit der Räumung auf den Tisch kommt. Irgendwie habe ich auch keine Lust mehr, meinen Ärger über das Einknicken der Anderen zu verbergen und es kommt zum Streit.
Die Anderen sagen: „Wir sind doch nicht eingeknickt. Wir haben nur den Tatsachen ins Auge gesehen, manchmal hilft Idealismus auch nicht weiter … Sieh das doch ein. Wir waren nur vernünftig.“ Ich sage: „Stimmt, Vernunft war ja das, bei dem man sich einer Obrigkeit einfach so unterordnet und dafür seine Prinzipien vergisst und sich freudig das Rückgrat amputieren lässt. Wie dumm, die Definition entfällt mir doch immer wieder.“ Die Situation eskaliert. Was ich, die ich doch als Kind selbst mitten im Privilegiat gelebt hätte, mir eigentlich erlauben würde. Was die Anderen, die jetzt wieder dorthin zurückgefunden hätten, an meiner Vergangenheit zu kritisieren hätten. So geht es hin und her, bis schließlich der vernichtende Satz fällt: „Aber auf dem Boot, das von meinem privilegierten Vater bezahlt wird, fährst du dann doch gerne mit, oder?“ Das reicht! Ich sehe just in diesem Moment eine Insel ganz in unserer Nähe auftauchen und zähle zwei und zwei zusammen.
„Nein, nicht mehr. Und wenn ihr nicht mehr hören wollt, was ich zu sagen habe, lasst mich an dieser Insel raus!“ Zugegeben: Ich rechne nicht damit, dass sie tatsächlich so begeistert auf diesen Vorschlag reagieren, aber nun ist es zu spät – und ein Rückzieher käme einer Rückgratamputation verdächtig nahe. Also finde ich mich keine zehn Minuten später auf dieser Insel wieder, im Gepäck nichts als meinen treuen Bücherbeutel. Und kurz darauf spülen die Wellen einen Haufen durchweichter Flugblätter an, die mir die Anderen vom Boot aus hinterhergeworfen haben müssen: Zwar ziemlich verschwommen, aber noch immer schwarz auf weiß steht da:
„Gegen die Plastikhirne. Gegen das Prozent. Gegen das Privilegiat.“

(C) Antonia Stoodt

Premiere: Schriftbruch2, 27.1.2015, Neuland, Bochum