Felicitas Friedrich: Diese Liebe, von der immer alle sprechen

Diese Liebe, von der immer alle sprechen

Ich hab’ sie gefühlt, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Sie hat mich grob ins Gesicht gepeitscht in der Gestalt von Hagelkörnern in einem fiesen Herbstorkan.

Doch bald darauf hat sie mich schon wieder gestreichelt, sanft, mit rauen, aber wohlwollenden Händen,

sie hat mich umschmeichelt gleich einer weichen Daunendecke, hat mich auf ein Bett aus Geborgenheit gelegt, in Arme, die mir bestätigen, dass alles gut wird.

Ich hab’ sie gefühlt, diese Liebe, von der immer alle sprechen, denn sie hat mich wachgeküsst.

Ich hab’ sie gerochen, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Ihr Duft drang an meine Nase und ich musste niesen, weil er sie so sehr kitzelte.

Er war neu und frisch und unvertraut, aber ich fühlte mich wie magisch zu ihm hingezogen und er sich zu mir.

Er roch leicht verbrannt, etwas würzig, auch ein wenig streng, aber ich ekelte mich nicht, im Gegenteil. Denn in all diesen nicht miteinander harmonierenden Kopf- und Herznoten und den auf gut Glück zusammen gewürfelten Duftkomponenten roch sie so angenehm nach Aufbruchstimmung und Neubeginn, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Ich hab’ sie geschmeckt, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Auf kulinarische Feingeister hätte ihr Geschmack sicher etwas befremdlich gewirkt, so übersalzt und doch im Abgang vollmundig bittersüß.

Sie schlug mir auf den Magen, ich fühlte mich krank und unbeweglich mit diesem schweren Klumpen im Bauch, und doch bereute ich nicht einen Augenblick lang, sie ganz verschlungen zu haben, mit Haut und Haaren und sämtlichen Ballaststoffen und Kalorien.

Denn sich verlieben ist wie haufenweise Kekse naschen – du weißt, dass dir womöglich schlecht wird davon, aber du riskierst es, denn in diesem Moment fühlt es sich so richtig an und tut dir so gut, dass du alle Bedenken in den Wind schlägst.

Ich habe einen großzügigen Schluck von ihr gekostet, und sie ist mir in Windeseile zu Kopfe gestiegen, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Ich hab’ sie gehört, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Sie klang nicht nach akribisch komponierten Symphonien, Siegeshymnen oder zart hingehauchten Harfenmelodien,

auch nicht nach Posaunengetöne oder Engelsgesängen,

nicht nach Jubelchören aus dem siebten Himmel,

sondern eher nach… Geschrammel.

Nach zerrissenen Saiten und verstimmten Instrumenten,

nach übersteuerter Technik und unkontrolliertem Gebrüll.

Sie ließ mich nicht schlafen, es hatte begonnen mit einem forschen Klopfen am Fenster bei Nacht, dann erst war der Lärm an mein Ohr gedrungen, er ist bis jetzt nicht verstummt, bleibt mir wie ein chronischer Tinnitus, der mich aufrüttelt und an nichts Anderes mehr denken lässt.

Sie raubt mir den letzten Nerv, weil sie sich den Strom nicht abdrehen lässt, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Ich hab’ sie gesehen, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Sie hat sich unübersehbar und ganz penetrant in mein Blickfeld gedrängt und wie ein Kind, das um Aufmerksamkeit bettelt, unaufhörlich vor meinem Gesicht hin- und hergewinkt.

Sie hat über beide Ohren gegrinst und mir zuerst ein Peace-Zeichen, dann einen Vogel gezeigt.

Sie trug abgeranzte Klamotten und sah irgendwie … mitgenommen aus. Aber ihren hoffnungslosen Optimismus schien sie nicht verloren zu haben. Sie konnte gar nicht aufhören zu lächeln.

Zur Begrüßung reckte sie mir die Hand hin:

„Schön, dich endlich mal kennenzulernen!“, sagte sie.

Ihr Händedruck war forsch, ihre Stimme lebendig.

Ich lächelte in mich hinein. Sie hatten alle Unrecht, dachte ich bei mir. Alle die, die sagten, die Liebe sei doch längst gestorben, oder zumindest stark geschwächt von dieser tödlichen Seuche namens Egoismus, oder lebensgefährlich getroffen von einem Schuss, abgefeuert aus der Pistole der Habgier.

Sie lagen alle falsch, denn sie stand ja just in diesem Moment quicklebendig und putzmunter vor mir, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Ich war erstaunt, dass sie mich überhaupt kannte. Wie oft hatte ich mich gefragt, ob sie es tut, und jetzt hatte ich die Antwort.

„Ich habe so viel von dir gehört!“, gab sie zu, ganz aufgeregt.

„Du bist eine meiner größten Verfechterinnen und Befürworterinnen! In einer Welt, in der dir stets jeder einreden wollte, es gäbe mich nicht, ich sei ein altmodisches Konzept und längst überflüssig geworden, hast du dich als eine der Wenigen für mich eingesetzt. Dafür bewundere ich dich! Wie hast du das bloß all die Zeit geschafft?“

Ich war vollkommen überwältigt. Restlos überfordert stammelte ich unzusammenhängende Satzfetzen wie „Hoffnung nie aufgegeben …“ oder „kleine Gesten, die große Gefühle auslösen …“ oder „wollte halt nicht akzeptieren, dass es in dieser hässlichen Welt nicht wenigstens irgendetwas Schönes geben kann.“

Sie war begeistert, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Und dann quetschte sie mich aus, wollte die ungeschönte Wahrheit von mir wissen, darüber, wie die Menschen sie aufnehmen, was sie von ihr denken, wie sie mit ihr umgehen.

Sie war zutiefst gerührt, als ich ihr erzählte, dass Menschen überall auf der Welt ihr tagtäglich ganze Lieder, Romane, Filme und Gedichte widmen. Dass in diesen Werken Menschen um sie kämpften, bis ins Mark davon überzeugt, dass sie alle Zweifel besiegen kann. Sie fühlte sich so geschmeichelt, dass sie errötete, und das stand ihr ganz ausgezeichnet. Vielleicht ist das der Grund, warum wir immer sagen, Rot sei ihre Farbe.

Doch ich konnte ihr natürlich auch die Schattenseiten nicht verheimlichen.

Ich musste ihr gestehen, dass es Menschen gibt, die sie verleugnen, die keinen Platz für sie haben vor lauter Wollust und dem Drang nach bloßer Triebbefriedigung. Dass Menschen sie als Ausrede für Gewalt- und Racheakte benutzen.

Und ich konnte mir den anklagenden Unterton nicht verkneifen, als ich ihr vorhielt, dass dort, wo sie einmal mit all ihrer Macht eingeschlagen war, oft auch Eifersucht, Betrug, Verrat, Streit, Schmerz und Tränen nicht weit sind.

Ich sah, wie sie beschämt und schuldbewusst zu Boden sah, diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Mit einem Mal wirkte sie gar nicht mehr so siegessicher und selbstbewusst. Es war kaum zu übersehen, dass ich sie getroffen hatte. Auf doppeldeutige Weise.

Aber sie wurde auch wütend,

als sie erfuhr,

dass sie heutzutage oft nicht einmal mehr zwischen Mutter und Kind Bestand hatte,

dass sie im Umgang des Menschen mit der Natur meist nicht einmal mehr zu erahnen war,

und vor allem darüber, dass in manchen Ländern zwei Menschen ihretwegen verfolgt werden können, nur weil sie verschiedenen Glaubensrichtungen oder Kulturkreisen angehören oder weil sie zufällig die gleichen Geschlechtschromosomen haben,

denn das widerspricht so grundsätzlich ihrem Konzept.

Sie tobte vor Wut, diese Liebe, von der immer alle sprechen, die so anders aussah, als ich sie mir immer vorgestellt hatte, aber im Grunde nur stimmig war mit dem, wofür sie heutzutage steht, und was wir aus ihr gemacht haben.

Ich bewunderte sie nun umso mehr ob ihrer Stärke und Standhaftigkeit, bei all dem, was man ihr angetan und wie man ihren Namen in den Schmutz gezogen hat.

Ich fragte sie vorsichtig, ob sie denn nie darüber nachgedacht hatte, einfach mit allem Schluss zu machen, die Notbremse zu ziehen, bevor sie nur noch der Sündenbock für alle oder vor lauter Kummer nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

„Hast du denn nie diese eine Lösung für dich in Erwägung gezogen, du weißt schon …“ – „Selbstmord“, flüsterte ich kaum hörbar.

Aber sie schüttelte entschieden den Kopf. „Ich bin eine Kämpferin“, verkündete sie fast schon trotzig.

„Und außerdem – der Grund, warum alle Menschen so hohe, unerfüllbare Erwartungen an mich stellt, ist nicht zuletzt der, dass Erich Fried mich falsch zitiert hat.

Nie im Leben würde ich auf die Idee kommen, zu sagen: ‚Es ist, was es ist.‘

Ihr sollt Dinge nicht bloß willenlos hinnehmen in eurer Lethargie und eurem hirnrissigen Glauben daran, dass das Schicksal schon alles so fügen wird, wie es zu sein hat.

Wenn ich spüre, dass nicht um jeden Preis für mein Bestehenbleiben gekämpft wird, dann merke ich, wie ich mit jeder Meinungsverschiedenheit und jedem lüsternen Blick auf jemand Anderen zusehends schwächer und blasser werde.

Ich selbst habe nicht die Kraft, mich am Leben zu erhalten. Meine Lebensgeister müssen mir von euch eingeflößt werden, jeden Tag auf’s Neue und allen Widrigkeiten und Konflikten zum Trotz.

Ich alleine kann das nicht. Sieh mich doch an – ich bin nur die abstrakte Idee deines verträumten Herzens, die Ausgeburt deiner unerschöpflichen Fantasie.

Du hast mir ein Gesicht und eine Stimme gegeben, und dich mit mir unterhalten. Dafür danke ich dir. Menschen wie du sind selten heutzutage.

Es ist nicht, was es ist.

Es ist, was du draus machst“, sagte diese Liebe, von der immer alle sprechen.

Ich bin ihr begegnet.

Und ich habe mich dazu entschlossen, ihr Wort zu verbreiten unter all denen, die den Glauben an sie verloren haben – an diese Liebe, von der ich ab sofort auch immer sprechen werde.

© Felicitas Friedrich