Johannes Till Opfermann: Der Bunnyhunter

Teil 1
Kaninchen-Conspiracy

Peng. Peng. Peng. Drei Kugeln durchschlugen hintereinander Klopfers Kopf. Genau dort, wo eben noch die treudoofen Kaninchenaugen und die putzige Kaninchennase gewesen waren, klafften nun drei kleine Einschusslöcher in der Zielscheibe. Nach einer kurzen Atempause entlud sich der Rest des Magazins in den wehrlosen Papierhasen. Unterhalb der ersten drei Treffer stanzten die Projektile ein groteskes Lächeln in das Gesicht des Pappkameraden Klopfer. Stille.
Am anderen Ende des Schießstands ließ eine einsame Person die Beretta sinken. Mit einem Surren setzte sich die automatische Vorrichtung in Gang, welche die Zielscheibe zum Schützen beförderte. Zufrieden begutachtete der Mann sein Werk. Der dreifache Kopfschuss war die Pflicht, mit den restlichen Kugeln einen Smilie zu malen war die Kür. Der Mann, der an diesem ansonsten verwaisten Schießstand irgendwo in einem Vorort des Ruhrgebiets trainierte, setzte seine Ohrenschützer ab. Ein Mann mittleren Alters, nicht jenseits von Gut und Böse, aber immerhin auf einem guten Weg dorthin. Dunkelblondes strähniges Haar, das ihm ins Gesicht hing, dazu ein Dreitagebart. Stechende blaue Augen starrten die leeren Augenhöhlen von Klopfer an. Der Mund verzog sich zu einem schiefen zufriedenen Lächeln und gab einen kurzen Blick auf ein makelloses Gebiss preis. Bloß die Schneidezähne wirkten aus irgendeinem Grund eine Winzigkeit zu groß. Er nahm die Zielscheibe und seine Pistole und stieg die Treppe hinauf zu einem anderen Raum, seinem Hauptquartier.
An den Wänden hing ein Durcheinander an Fotos, Zetteln und Notizen. Entschlossen hängte er die Zielscheibe mit Klopfer neben eine ganze Anzahl anderer Zielscheiben. Sie zeigten mal Klopfer, mal Bugs Bunny, mal Roger Rabbit, alle mit einem Fadenkreuz darüber gelegt. Jeder Hase war ziemlich übel zugerichtet. Offenbar zeigten die aufgehängten Zielscheiben den Trainingsfortschritt des Mannes, denn jede war mit einem Datum versehen. Zwischen den Zielscheiben stach ein vergilbtes A1-Plakat hervor, das die Anatomie eines Hasen zeigte. Wahrscheinlich stammte es aus einer Tierarztpraxis. An den anderen Wänden hingen unzählige Fotografien von Kaninchen und Hasen jeder Form, Färbung und Größe, dazwischen Zeitungsartikel über Kaninchenzüchtervereine und Rammler-Preise. Auf einer großformatigen Karte der Ruhrgebietsstadt, die an dieser Stelle lieber anonym bleiben möchte, waren mit Steckfähnchen Zoohandlungen und sämtliche Züchtervereine markiert. Dazwischen waren mit buntem Textmarker Linien und Muster auf der Karte eingezeichnet, einige Verbindungen auch wieder ausgestrichen worden. Neben der Karte hingen die Formationen von Sternbildern, die wohl in einem Zusammenhang mit dem Muster auf der Karte stehen sollten. Ein nicht mehr aktueller Jahreskalender eines chinesischen Restaurants aus der Umgebung hing daneben. Doch die chinesische Tuschezeichnung des Motivs interessierte ebenso wenig wie das genaue Datum anno 2008. Vielmehr interessierten die chinesischen Tierkreiszeichen, die immer auf solchen Kalendern mit hübschen kleinen Bildchen erklärt wurden.
2011 beginnt wieder ein Jahr des Hasen, dachte er. Was hatten die chinesischen Hasen vor? Kam ihr Griff nach der Weltherrschaft schon in diesem Jahr, oder hatten doch die Azteken Recht? Nach Aztekenkalender ist 2010 immerhin ein Kaninchenjahr, allerdings galt das auch 2006, und es gilt ebenso für 2014. Die letzten Jahrzehnte hatte er immer wieder geglaubt, das Ende sei nahe. Jedes mal hatte er sich geirrt, doch er war sich sicher. Irgendwann werden die Azteken-Karnickel mit blutigen Menschenopfern die Macht an sich reißen? Wie die Maya damals untergingen, weiß bis heute niemand so ganz genau. Er hatte da so seine Vermutungen. Wenn die Inkas nicht so gerne Meerschweinchen gegessen hätten, wären die sicher auch schon früher untergegangen.
Das schrille Klingeln des Telefons riss ihn aus den Gedanken. Er ging zum Apparat, einem alten 70er-Jahre-Modell mit flauschigem Kaninchenfellbezug, und nahm den Hörer ab.
„Remmel“, meldete sich der Mann und hörte mit wachsender Aufmerksamkeit zu. „Seien Sie unbesorgt, Herr Rektor. Ich bin genau der richtige Mann für die Operation. Natürlich muss so etwas gut vorbereitet sein. Da bräuchte ich noch nähere Informationen. Treffen? Gut. U-Bahn, Haltestelle ‚Grindwal’. 23.15 Uhr.“ Schwer atmend vor Aufregung legte Remmel den Hörer auf. Kein Zweifel. Der Angriff der Kaninchen hatte begonnen. Und die Ruhr-Universität schwebte in höchster Gefahr. Das konnte Remmel nicht zulassen. Während er sich mit mehreren Messern und Pistolen bewaffnete, konnte er ein Lächeln der Vorfreude nicht verbergen. Endlich hatte es begonnen. Er warf sich seinen dunklen Trenchcoat über, zog den Hut tief in die Stirn und stürmte hinaus in die Nacht. Diese Kaninchen würden ihn kennen lernen, ihn, Remmel, den ‚Bunnyhunter’.

© 2010 Johannes Till Opfermann

Die Fortsetzung und viele weitere Texte von Johannes findet Ihr auf der Wortschatzinsel.