Katharina Mraz: Endlichkeit

In der Sekunde, in der sie merkte, dass es kein Zurück mehr gab, blickte sie hinab in den Abgrund. Zunächst verhalten, doch letztlich mit voller Entschlossenheit. Wahnwitziges Gelächter stieg aus der schäumenden Flut zu ihr auf. Der Wind peitschte über die tosenden Wellen, die sich mit ganzer Kraft an den rissigen Felsen brachen und wie eisgraue, dämonische Fratzen den Hang hinauf krochen. Die Tränen, die von ihren Wangen fielen, verloren sich spurlos, sobald sie das eisige Wasser berührten.

Mit jeder weiteren Träne, die warm und aus Liebe über ihr Gesicht rann, wurde es kälter in ihr. Es war, als würde ihr Herz gefrieren. Bangend, dass es beim nächsten Schlag zersplittern würde. So stand sie da. Nur wenige Zentimeter trennten sie von der tosenden Hölle, die sich vor ihr auftat. Die kalten, dreckigen Wassertropfen, die von ihren Haaren über ihr Gesicht liefen, vereinten sich mit den bitteren, reinen Tränen. Nichts hatte sich geändert, musste sie sich eingestehen. Ewig hatte sie diesen Grenzgang gewagt. Heimlich und unbemerkt. Bis es nicht mehr ging. Bis sie nicht mehr anders konnte. Bis der Moment kam, an dem sie die Kräfte verließen, an dem sie schrie. Sie schrie und alle Welt sollte es hören. Doch es hatte sich nichts geändert. Anstatt auf sicherem Boden sah sie sich dem Abgrund nun näher als je zuvor.

Und es gab kein Zurück mehr. Sie schrie ein letztes Mal, doch es ging im tosenden Gebrüll der Brandung einfach unter. Es half nichts. Stimmen wirbelten zu hier hinauf. Sie riefen nach ihr. Rachegeister, die Dämonen ihrer Ängste. Aus der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft. Sie alle waren hier. Lachten sie aus, frohlockten zynisch und hämisch grinsend. Sie hielt sich die Ohren zu und sank zitternd auf die Knie. Sie war zu schwach, sich zu wehren. Wie ein tödlicher Luftzug umzingelten sie die Stimmen, zogen ihre Kreise immer enger und entrissen ihrem Herzen den letzten Funken … Wärme … Liebe … Hoffnung …

Sie stand auf. In ihr wurde es still. Alles wurde beherrscht von dem Tosen eisgrauer Wellen. Es gab kein Zurück mehr. Sie machte einen Schritt und sprang mit dem letzen Schlag ihres Herzens in die Endlichkeit, noch bevor es in tausend Splitter zerfiel.

© 2012 Katharina Mraz