Marek Firlej: Die schönen Menschen

Ich habe Mitleid mit hässlichen Menschen, denke ich mir, als ich mal wieder in einer Bahn voller Knubbelfressen, Fresssäcken, Sackgesichtern und Gesichtsgrätschen sitze. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch?, frage ich mich. Ich mache mich ja nicht über diese Menschen lustig, weder hinter ihrem buckligen Rücken noch ihnen direkt ins picklige Gesicht. Ich diskriminiere sie nicht, ich bin freundlich zu ihnen. Viele meiner Freunde sind hässlich. Ich habe Mitleid mit ihnen. Das ist doch was Nettes. Mitleid ist wichtig, etwa im Buddhismus und Buddhisten sind schließlich alles nette Menschen. Ja, ich bin eigentlich ein guter Mensch, denke ich mir. Mitleidig, demütig und dankbar – dafür, dass ich selbst so unverschämt gut aussehe. Meine Gedanken werden unterbrochen von einer Kettensäge, die mir in den Schädel geballert wird.

Schädelteile, Haarbüschel, Skalpfetzen und Hirnmatsch fliegen umher und verteilen sich in der halben Bahn. Hirnrindenregen ergießt sich über die Passagiere. Ein Klumpen Kleinhirn fliegt wie zielgesteuert in den Rachen der in Schock erstarrten geilen Blondine hinter mir. Sie keucht, hustet – und verröchelt. Der smarte Typ neben ihr kotzt. Und zwar richtig. Und zwar Blut. Er war gerade auf dem Weg zum Arzt – er hatte zuvor ein paar Rasierklingen verschluckt und ist das wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden. Doch auf dem Weg nach oben schlitzten die Klingen ihm die komplette Speiseröhre auf. Dem niedlichen, kleinen Mädchen vor ihm prasseln Kotze, Blut und Klingen ins Gesicht.

Jemand zieht die Notbremse. Der gepflegte Bahnführer wird nach vorne durch das Fenster aus der Bahn und auf die Gleise geschleudert, ein Passagier fliegt in die Führerkabine, direkt in den Gashebel. Die Bahn setzt sich in Bewegung und zermalmt den Bahnfahrer.
Das plötzliche Stoppen und Vorrucken der Straßenbahn verursacht einen Verkehrsunfall: Das junge Modeltalent gerät ins Schleudern und rast voll in das Schaufenster einer teuren Modeboutique, wo eine Kleiderstange im Bruchteil einer Sekunde erst ihre Windschutzscheibe und dann ihre Kehle durchbohrt, kurz bevor eine schlanke Kundin zwischen ihrer Motorhaube und der Wand zerquetscht wird. Eine andere dieser gestylten Kundinnen wird vom Kotflügel des unkontrollierten Wagens erfasst, wird durch den Raum geschleudert und landet in einem Schuhregal, wo sie hundertfach von Pfennigabsätzen durchbohrt wird. Die Erschütterungen dieser Vorgänge führen dazu, dass der gutaussehende Geselle in der Metzgerei nebenan seinem Hackfleisch halb und halb eine dritte Komponente beifügt: Er fällt in den Fleischwolf.

Ein weiteres Fahrzeug rast gegen die Straßenbahn, die Kofferraumklappe springt auf, das neue japanische Messerset durchtrennt seine Verpackung, fliegt aus dem Kofferraum, fliegt durch die Luft. Wie kleine Katanas im Kampf vor Kyoto krachen sie in Körper und köpfen komisch guckende Kerle. Der Kopf eines von ihnen fällt ins Frittierfett, an dem er gerade zugange gewesen war, die Frittierpfanne kippt um. Das ganze kochende Fett spritzt einer adretten Imbisskundin ins Gesicht. Schreiend und blind läuft sie umher, stößt mit dem Kopf gegen den Türrahmen, bleibt mit einer Brandblase an einem vorstehenden Nagel hängen, läuft weiter im Kreis. Ihre Gesichtshaut hängt am Nagel und wird abgezogen. Der leblose Körper des Kochs fällt indes gegen das Schnapsregal und Scherben und Spirituosen ergießen sich über das blanke Fleisch der schreienden Frau. Man hätte es nicht für möglich gehalten, aber sie schreit noch lauter, und in schierem Schmerzeswahn strauchelt sie und fällt kopfüber in den Salzbottich.
So pflanzt sich die Todesserie über die ganze Welt fort – Flugzeuge stürzen ab, Züge entgleisen, Schiffe sinken und die meisten Unfälle geschehen im Haushalt. In China fällt ein Sack Reis um. Und begräbt eine ganze Modelschule unter sich. Chinesische Reissäcke sind groß, daruzm hört man auch immer in den Nachrichten von ihren Stürzen. Millionen von Menschen sterben. Viele, viele hässliche und alle schönen.

Ist diese Welt nun eine bessere? Ist dies nun eine Welt ohne Diskriminierung, Mobbing und Hänseleien? Leben nun alle Menschen gemeinsam, stinkend, schaurig, schleimig, aber händchenhaltend und einander unablässig umarmend?

Ich weiß es nicht,
ich bin längst tot.

© 2012 Marek Firlej